Nach unserem heutigen Verständnis von Biokybernetik (154) erfolgt das funktionelle Zusammenspiel von Kiefergelenken, Zähnen und dem neuromuskulären System als Regelkreis mit einem optimalen Wirkungsgrad. Im Wachstum stellen sich die Strukturen des stomatognathen Systems so aufeinander ein, dass in der Regel ein harmonisches Zusammenspiel aller Elemente des Kausystems gewährleistet ist. Neurophysiologische Grundlage für eine funktionelle Einheit des Kauorgans sind im sensorischen Teil die Rezeptoren im Bereich der Muskulatur, der Kiefergelenkkapsel und des Zahnhalteapparates. Signale dieser petipheren Rezeptoren werden über afferente Bahnen dem zentralen Nervensystem zugeleitet, dort koordiniert und umgeschaltet. Über efferente Nervenbahnen erfolgt dann eine wohlabgestimmte motorische Steuerung aller Muskeln, die dem Kausystem zuzurechnen sind. Der Unterkiefer ist in der bilateral angelegten Kau-, Gesichts- und Nackenmuskulatur sowie der Krawallen und er Kaufladen Zungenbeinmuskulatur so aufgehängt, dass eine räumliche Orientierung gegen den Oberkiefer allein durch muskulären Aktivitäten möglich ist.
Kybernetische Mechanismen des Kausystems regeln die Stärke und Wirkungsrichtung der aufzuwendenden Kaukräfte derart, dass die mechanische Belastung aller beteiligten Gewebe innerhalb physiologischer Bereich liegt. Dabei sichert der propriozeptive Anteil des neuromuskulären Systems die ökonomische Funktion (geringstmöglicher Arbeitsaufwand bei größtmöglichem Effekt) und schützt das Kauorgan durch eine sinnvolle, koordinierte Steuerung von Synergismus und Antagonismus der Muskulatur von der Selbstzerstörung (62). So haben die Zähne mit ihren okklusalen Strukturen neben den bekannten kaumechanischen auch wesentliche propriozeptorische Funktionen. Bereits 1867 nannte Sigmund die Zähne "modifizierte Tastwerkzeuge", und er erkannte damit die zentrale Bedeutung der Okklusion für die Steuerung des neuromuskulären Systems.
Die üblichen intraoralen Befunde, ein Parodontalstatus und Röntgenaufnahmen der Zähne reich für die Planung umfangreicher Rekonstruktionen eines stark geschädigten Gebisses vor allem dann nicht aus, wenn der Verdacht auf funktionelle Störungen des Kausystems besteht, Eine genaue Beurteilung der Funktionsfähigkeit des erfordert zusätzliche Informationen, die mit einer klinischen Funktionsanalyse erbracht werden können. Hinsichtlich der Beurteilung funktioneller Störungen des stomatognathen Systems ist auch eine gewisse Kenntnis der psychoemotionalen Situation des Patienten erforderlich. "Der erste Teil eine Behandlung beginnt im Zuhören", schrieb Peter Dawson (1978) (15) und unterstrich damit den hohen diagnostischen Aussagewert von subjektiven Empfindungen und Verhaltensweisen sowie der Schilderung des Leidensweges eines Patienten.
Palpation der Kau-, Gesichts- und Halsmuskulatur, Überprüfung der Unterkiefermobilität, Auskultation der Kiefergelenke und okklusale Befundung gehören zu den wichtigsten Daten eines klinischen Funktionsstatus.
Die Anwendung instrumenteller Hilfsmittel für die Funktionsanalyse des Kauorgans begann mit rein graphischen Verfahren zur Vermessung und Aufzeichnung von Unterkieferbewegungen. Der Amerikaner Luce (1889) (82) und der Franzose Marey (1894) (91) setzten photographische Geräte ein, um den recht komplizierten asymmetrischen, dreidimensionalen Bewegungsablauf beider Kiefergelenke zu erkennen. Der Amerikaner Walker (1896) (149) versuchte, die Projektionen der Kieferbewegungen aufzuzeichnen, indem er ein entsprechendes Registrierbesteck am Kopf des Patienten anbrachte, Der Engländer Campion (1902) (6) entwickelte einen am Unterkiefer befestigten Bogen, dessen Schreibstifte beiderseits auf den Gelenkkopf ausgerichtet wurden. Bewegungen konnten auf einem Papier aufgezeichnet werden, das auf der Haut angebracht war. Sei Landsmann Parfitt (1903) (116) und der Schweizer Gysi (1910) (36) benutzten ähnliche Methoden zur gelenknahen Aufzeichnung von Unterkieferbewegungen.
Der Einsatz elektronischer Verfahren zur Messung der Kieferbewegungen begann mit den Geräten von Strack (1951) (145) und wurde später von Gibbs et a.. (1966) mit ihrer sogenannten "Kaumaschine" (gnathic replicator) auf eindrucksvolle Weise demonstriert. In den folgenden Jahren wurden von verschiedenen Autoren unterschiedliche elektronische Verfahren entwickelt, die nach folgenden Gesichtspunkten eingeteilt werden können:
- gelenkferne Registrierverfahren,
- gelenknahe Registrierverfahren,
- vom Scharnierachsenpunkt ausgehende Registrierverfahren.
Im Rahmen der umfassenden Funktionsdiagnostik des stomatorgnathen Systems sollte eine instrumentelle Okklusionsanalyse mit Hilfe von gelenkbezüglich montierten Modellen in Artikulatoren sinnvollerweise erst dann durchgeführt werden, wenn der Kiefergelenkfunktion eindeutig gesichert ist. Andernfalls würde eine möglicherweise pathologische Gelenksituation, übertragen in den Artikulator, als Grundlage für die Okklusionsdiagnostik herangezogen werden.
Unter Okklusion versteht man jede Kontaktbeziehung zwischen Ober- und Unterkieferzähnen. Detaillierte Betrachtungen über Okklusionskonzepte liegen außerhalb des Rahmens dieser Arbeit; es besteht aber heute weitgehend Einigkeit darüber, dass im natürlichen Gebiss und bei festsitzendem Zahnersatz eine eindeutige und stabile Interkuspidationsposition vorhanden sein muss. Front- und eckzahngeführte Exkursonsbewegungen des Unterkiefers sind als ideal anzusehen. Unilaterale Gruppenführung bis in den Prämolarenbereich kann toleriert werden, während die bilateral balancierte Okklusion allgemein als traumatisierend eingestuft wird (3.8.98.102,103,104).
Im Rahmen der Funktionsdiagnostik wird die schräglaterale, transkraniale Röntgenaufnahme der Kiefergelenke häufig zur Kontrolle von Veränderungen des Gelenkspaltes, der Form und der Position der Kondylen eingesetzt (27,29,39,58,.71,101,112,113,130,141,153). Einen höheren Apparaten Aufwand erfordern computertomographische Verfahren zur Darstellung der Kiefergelenkstrukturen (44).Für die Darstellung der Weichteilgewebe der Kiefergelenke wird in Zukunft auch die Kernspintomographie angewendet werden können; erste Ergebnisse Liegen bereits vor (45,120,138). Die in zahnärztlichen Praxen gebräuchliche Orthopantomographie gibt vor allem im Seitenvergleich auch die Kiefergelenke durchaus brauchbare Übersichtsaufnahmen; funktionsanalytische Hinweise sind in der Regel jedoch nicht möglich (11,108). Es muss ausdrücklich betont werden, dass über die Notwendigkeit von Röntgenaufnahmen bei Verdacht auf funktionell bedingte Veränderungen im Kiefergelenkbereich erst nach einer grünlichen klinischen und gegebenenfalls instrumentellen Funktionsanalyse entschieden werden kann. Nur der eindeutige Verdacht auf röntgenologisch darstellbare Strukturveränderungen in diesem Bereich, wie zum Beispiel massive Kondylusverlagerung, rechtfertigt die Strahlenbelastung des Patienten im Rahmend er Funktionsdiagnostik des stomatognathen Systems (111).
Bei gravierenden Schmerzen im Kiefergelenk oder der Kaumuskulatur kann eine medikamentöse Therapie (Antirheumatikum) notwendig werden. Eine Entlastungsschiene (Knirscherschiene) wird im Labor aus Kunststoff angefertigt. Der Patient trägt diese Schiene auf den Oberkieferzähnen und somit wird das gesamte System entkoppelt. Parallel hierzu wird krankengymnastisch die Muskulatur entspannt. Anschließend kann durch gezielte Einschleifmaßnahmen und zahnärztliche Versorgung mit passender Okklusion und Artikulation das erzielte Ergebnis stabilisiert werden.
Zahnärztliche Praxis Dr. Muhle und Partner
Gemeinsam für schöne gesunde Zähne.